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WIEN / Staatsoper: DAPHNE von Richard Strauss

Eine "Grüne Oper", nicht zubetoniert, aber in Marmor versiegelt und sterilisiert

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David Butt Philip (Apollo), Daniel Jenz (Leukippos), Hanna-Elisabeth Müller (Daphne). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: DAPHNE von Richard Strauss

24. Aufführung in dieser Inszenierung

12. September 2023

Von Manfred A. Schmid

„Du schleichst dich in meinen Traum,“ sagt Daphne zu Apollo, als dieser uneingeladen bei einem dem Gott Dionysos geweihten Fest auftaucht, sich der schönen Nymphe als ihr „Bruder“ vorstellt und ihr einen alles andere als „brüderlichen“ Kuss verabreicht. Dies nimmt Nicolas Joel zum Anlass, in seiner 2004 an der Staatsoper herausgekommenen Neuinszenierung die Handlung als eine Art Tagtraum einer sexuell unbefriedigten Frau dazustellen. Damit wird Daphnes Haupteigenschaft, ihre ausgeprägte Liebe zu Natur, der sie in ihren ersten Äußerungen in beredten Schilderungen Ausdruck verleiht, auf eine bloße Sublimierung reduziert. Der Charakter der Nymphe, die mehr als eine Baum-Umarmerin ist, sondern in Bäumen tatsächlich Brüder ansieht, verliert dadurch viel an Reiz und Charme. Joel verlegt, wie in der Ankündigung der Staatsoper nachzulesen, den Schauplatz in den Salon „a la grec“ der Münchener Villa Stuck, die den Blick freigibt auf einen kahlen Garten, der gänzlich ohne die von Daphne besungenen Pflanzen auskommen muss. Später werden einige riesengroße Muschel-Gehäuse herangeschleppt:  Zu mehr als versteinerter Natur reicht es in dieser Inszenierung offenbar nicht. Da passt es, dass es mit dem zerklüfteten, goldschimmernden Baumstrunk, in den sich Daphne begeben soll, um von Apollo am Ende in einen Lorbeerbaum verwandelt zu werden, an diesem Abend offenbar technische Probleme gibt. Hanna-Elisabeth Müller, die Darstellerin der Titelfigur, wäre fast verunfallt und muss hinter der Baumruine Zuflucht suchen. Dabei ist Richard Strauss und seinem nicht eben geschickten Librettisten (Joseph Gregor), wie sich dem Schriftverkehr entnehmen lässt, eine Art „Grüne Oper“ vorgeschwebt, sicher aber nicht ein so eleganter, steriler, marmorner Schauplatz.

Die kühle, glatte, blankpolierte Inszenierung ist jedenfalls nicht dazu angetan, die Schwächen des Librettos zu beheben. So bleibt immerhin die Musik und eine weitgehend gute Besetzung, fast durchwegs Rollendebüts. Die Musik des späten Strauss (Uraufführung 1938) strahlt Schönheit aus, auch wenn die zuweilen langen Gesangsmonologe nur wenige Melodien aufweisen und dramatische Zuspitzungen wie Apollos  Mord an Leukippos eher flach wirken. Wie immer hebt sich Strauss das Beste für den Schluss auf. Die Verwandlung Daphnes in einen Baum ist – auch wenn sie diesmal technisch nicht ungestört abläuft – von ätherischer Schönheit. Die in die Höhe steigenden Soprantöne verschmelzen mit den zarten Klängen der Streicher. Sebastian Weigle am Pult des Orchesters verleiht der Musik einen warmen, goldigen, herbstlichen Glanz.

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Daniel Jenz (Mitte), flankiert von Oleana Tonca und Alma Neuhaus (1. und 2. Magd)

Hanna-Elisabeth Müller kommt mit der extrem hohen Tonlage der Daphne gut zurecht. Es gelingt ihr, ihren lyrischen Sopran über das satt tönende Orchester hinausragen zu lassen. Einige Schärfen sind nicht zu überhören, wenn es aber darauf ankommt, am Schluss die Stimme schwerelos in den Wind übergehen zu lassen, der durch das – hier allerdings nicht vorhandene – Laub des Baumes rauscht, weiß sie tief zu berühren.

Daniel Jenz ist ein mutig gegen seinen übermächtigen, heldischen Rivalen Apollo antretender Leukippos und bestätigt seinen Status als einer der vielseitigsten und versiertesten jungen lyrischen Tenöre. Auch gestalterisch sehr ausgeprägt, überzeugt er mit jugendlicher Unbekümmertheit und großen Momenten voll Sanftheit und Sensibilität.

Der aufstrebende britische Heldentenor David Butt Philip beeindruckt als Apollo mit jugendlicher Blüte und warmem Glanz. Noch kein Wagner-Tenor aus Stahl, aber mit einem silbrigen, höhensicheren, einnehmenden Kern.

Der österreichische Bass Günther Groissböck ist ein Autorität und Väterlichkeit ausstrahlender, würdevoller Peneios. Von imposanter Bühnenpräsenz und stimmlich voll im Saft.

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Hanna-Elisabeth Müller (Daphne) und Daniel Jenz (Leukippos als Frau verkleidet)

Die aus Israel stammende Altistin Noa Benart, wie Jenz ebenfalls eine Hausbesetzung, kommt in der Rolle der weisen, mütterlichen Gaea dank ihrer warmen, ausgewogenen Stimme mit der enormen Herausforderung dieser Partie, die der Sängerin das tiefe Es (!) abfordert, recht gut zurecht.

 Aus dem Ensemble hervorragend besetzt sind die vier Schäfer (Marcus Pelz, Norbert Ernst, Panajotis Pratsos, Hans Peter Kammerer) und die beiden Mägde (Ileana Tonca und – aus dem Opernstudio – Alma Neuhaus). Dass bis auf einen alle auf dem Programmzettel mit Kurzbiografien ausgewiesen sind, ist einerseits erfreulich. Warum dann ausgerechne Herr Pratsos fehlen muss, ist andererseits nicht so recht nachvollziehbar. Dafür wäre jedenfalls noch genug Platz gewesen.

Kurzer, aber dennoch recht starker Applaus. So richtig zu fesseln vermag diese diese gelackte Inszenierung wohl nicht, was aber gerade bei dieser vor allem dramaturgisch und, was das Libretto betrifft, nicht unproblematischen Oper eine Grundvoraussetzung wäre.

 

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