Ist das noch Oper?! Carmen in Hannover

Xl_19fe7f85-f38e-4735-94ba-53155b787ed5 © Sandra Then

Die Staatsoper Hannover, schon länger für unkonventionelle Darbietungen bekannt, die nicht immer den größten Publikumszuspruch ernten, kam Ende Oktober mit einer Neuinszenierung der „Carmen“ von Georges Bizet heraus. Das Programmheft ist übertitelt mit „CARMEN, Georges Bizet/Marius Felix Lange“, als seien beide Komponisten gleichwertig an der musikalischen Gestaltung des Stückes beteiligt. Regie führte Barbora Horáková, mit dramaturgischer Unterstützung durch Martin Mutschler. Im Innern des Heftes erfährt man dann, dass es sich um eine musikalische „Neubearbeitung“ des Bizet-Klassikers durch Marius Felix Lange handelt, weil der 52-jährige Komponist, der als Geiger mit „Carmen“-Fantasien von Pablo de Sarasate und Franz Waxmann aufwuchs, eine Diskrepanz entdeckte zwischen dem Leben, welches, auf Prosper Mérimées Novelle basierend, eigentlich in der Oper erzählt werden soll, und den Mitteln, mit denen das geschieht.

Lange will den Protagonisten Carmen und Don José etwas von ihrer spezifischen Identität zurückgeben. Das wäre wohl eher die Sache der Regisseurin gewesen. Hier kommt es aber musikalisch zum Ausdruck, beziehungsweise soll es kommen, indem Lange nicht nur diverse und harmonisch unpassende Versatzstücke in die Bizetsche Partitur hineinkomponiert, sondern selbst bekannteste, geschlossenste und auch beliebteste Nummern wie die Musik zur Habanera und zur Blumenarie, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen, mit Dissonanzen unterspielt, ja, man könnte auch sagen „unterspült“. Dazu benutzt er in erster Linie das Vibraphon und Röhrenglocken, die nach seiner Ansicht „weitere Klangfarben“ erzeugen, aber auch ein riesiges Xylophon, sowie das Schlagwerk. Die drei erstgenannten Instrumente, deren Verzicht es wohl selbst bei den geltenden Hygiene-Vorschriften im Graben erlaubt hätte, ein paar Streicher mehr als die gerade einmal vier Geigen, zwei Bratschen und zwei Celli zu platzieren (insgesamt nur 21 Musiker!), sorgten dafür, dass der Zuhörer sich zu keinem Zeitpunkt der Integrität der von ihm erwarteten Musik Bizets sicher sein konnte. Entsprechend dünn war auch der Streicherklang, wofür der ansonsten umsichtig agierende Stephan Zilias am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover wohl eher nichts konnte. Der Streicherklang war in dieser Produktion aber eigentlich auch gar nicht so wichtig. Denn was Barbora Horáková auf der Bühne von Thilo Ullrich, mit den Kostümen von Eva-Maria von Acker, dem Licht von Sascha Zauner und der Choreographie von James Rosental abzog, wich deutlich von dem ab, was - immer noch - unter der Kunstgattung Oper verstanden wird.

Mit der eigentlich gar nicht so abwegigen Idee, das Stück in der Springsteenschen „darkness at the edge of town“, also in einer Art Bronx oder Soho spielen zu lassen, in einem alten verlassenen Stadion, wo man noch das verblichene Basketballfeld erkennen kann. Hier geht es mit den sich dort herumtreibenden jungen Leuten, gesellschaftlichen Underdogs, hoch her. Sergio Verde sorgt auf einer hochgestellten Leinwand ähnlich wie Frank Castorf das Geschehen mitzufilmen und zusätzliche Szenen einzublenden. Die ominösen Kameraleute, eine sich mittlerweile immer mehr abnutzende postmoderne Stereotype des Regietheaters, huschen also auch wieder mal störend durch das Geschehen.

Ganz amüsant war aber der Einfall, dass Carmen einmal vor dem eingeblendeten Werbe-Stier des spanischen 30-prozentigen Brandys Osborne singen darf, wenigstens noch ein wenn auch kommerzieller Anflug von einem allerdings auch schon etwas klischeehaften Spanien-Kolorit. Statt des Chores läuft aus Hygienegründen eine Balletttruppe mit Mundschutz auf, die neben akrobatischen Einzelleistungen gleichwohl sehr laut wird und am Ende des Torero-Liedes sogar aus voller Kehle mitbrüllen darf und dabei einen nahezu unerträglich kakophonen Geräuschpegel erzielt! Hinzu kommt allerhand Müll, der herumsteht oder durch die Gegend fliegt, Bierkästen, Autoreifen, Ölfässer, ein shopping cart, ungeachtet musikalischer Gegebenheiten hupende Motorroller - alles so schon oft gesehen, aber dadurch nicht besser. „Carmen“ in the gutter… Zusätzlich dürfen Don José, und wie man erst im Laufe der Arbeit an der Produktion feststellte, vorwiegend aus Gleichberechtigungsgründen auch Carmen ein Lied aus ihrer Heimat singen - er eines aus dem Baskenland, sie eines im zigeunerischen Caló.

Der des Programmheftes unkundige Zuseher muss wohl raten, was das soll, zumal es die Musik von Bizet unterbricht, um nicht „durchbricht“ zu sagen. Zu allem unkompositorischen Überfluss lassen zudem zwei Sprecher immer wieder Carmens und Don Josés Gedanken über Lautsprecher erklingen. Könnte es nicht sein, dass man über diese auch etwas, wenn nicht sogar viel, über die Komposition Bizets erfahren kann – oder will man sich nicht die Mühe machen, diese in nachvollziehbare Handlung umzusetzen?! Das wäre eigentlich die Aufgabe eines das Werk und seine Rezeption bestens kennenden Regisseurs. Stattdessen wird die arme Micaela zum Zeichen ihrer Unerwünschtheit gleich mit dem Dreck beschmissen und mit einem Messer bedroht.

Natürlich soll das zeigen, dass eine Rückkehr Don Josés in seine Vergangenheit, zu der er ja immer wieder tendiert, zugunsten einer klaren Entscheidung für Carmen und die Zigeuner verhindert werden soll – ein Ausdruck der Freiheit, um die es hier geht. Da darf er unterdessen auch Zuniga erschießen, als Eifersuchtstat und Zeichen seiner nun ins Kriminelle abdriftenden Freiheit, ähnlich wie er später Carmen umbringt. Freilich raucht Zuniga im Sterben schnell noch eine E-Zigarette – so leicht löst man sich in diesem Milieu von seinen Lastern nicht! In Carmens Tod ortet das Regieteam allerdings einen „Femizid“, weil sie entgegen dem Besitzanspruch des Mannes – in seiner „toxischen Maskulinität“ – auf ihrer Freiheit besteht, als femininer „outlaw“. Sie ist nicht zuletzt aufgrund ihrer Herkunft, die ihr jeglichen sozialen Aufstieg versagt, für den Dramaturgen Mutschler ein Beispiel für „das mehr als latente Ausgeliefertsein der Frau.“

Da haben wir sie also wieder, die klassische Opferrolle der Frau. Dabei ist eigentlich in den bei weitem am meisten zu sehenden „Carmen“-Inszenierungen und wohl auch bei Bizet selbst der Mann das Opfer. Denn Carmen hat durch ihren unbeugsamen Freiheitsdrang eine enorme Souveränität – auch über sich selbst, während Don José sich selbst zum Opfer macht, weil er sich zwischen einem durch Erziehung naheliegenden konventionellen Lebenskonzept - symbolisiert durch Micaela - und Carmen nicht entscheiden kann. Daran scheitert er am Ende und bringt ihr den Tod, weil er sich diese Schwäche und sein Versagen nicht eingestehen kann. Erst da ist auch sie dann wirklich Opfer.

Die blutjunge Russin Evgenia Asanova gab die Carmen als aufreizender Teeny mit einem schon recht guten Mezzo und schönen Klangfarben. Der Mexikaner Rodrigo Porras Garulo spielte einen engagierten und emphatischen Don José und ließ mit seinem kraftvollen Tenor erkennen, dass er einmal Bariton war. Germán Olvera, ebenfalls aus Mexiko, sang den Escamillo mit ansprechendem, nicht zu großem Bariton. Der stimmliche Star des Abends war aber unzweifelhaft Barno Ismatullaeva aus Usbekistan, die der Micaela mit ihrem leuchtenden Sopran nahezu himmlische, facettenreiche und lyrische Töne verlieh und dabei auch noch große Empathie vermittelte. Frasquita war bei Mercedes Arcuri und Mercedes bei Nina von Essen gut aufgehoben. Yannick Spanier sang den Zuniga mit einem klangvollen Bass.

Wenn das, was man an diesem Abend in Hannover erlebte, noch Oper sein soll und der Trend, hemmungslos in Partituren einzubrechen und sie nach Belieben umzuschreiben und hinzu zu komponieren, weiter gehen sollte, dann steht es schlecht um diese weltweit so beliebte Kunstgattung. Und das ist, was die Oper am wenigsten im Moment der Corona-bedingt geschlossenen Opernhäuser braucht. Man sah und hörte in Hannover stattdessen ein Potpourri aus dramatischem Theater, Oper und Musical, eine Mischform, die nicht überzeugen konnte, es vielleicht auch gar nicht wollte. Im Focus stand wohl, etwas „ganz Neues“ zu machen, weil nur das Neue noch interessant ist und Aufmerksamkeit sowie Aufregung erzeugt. Dass das „Alte“ schon fast an der Perfektion liegt – nicht umsonst gehört die „Carmen“ wohl zu den beliebtesten fünf Opern überhaupt – spielt dabei keine Rolle. Daran im vorgegebenen kompositorischen Rahmen auch szenisch phantasievoll zu arbeiten, wäre wohl auch zu „konservativ“ und vermessen… In jedem Falle ist der Intendanz zu raten, bei solchen „Verinszenierungen“ zumindest dem Abo-Publikum einen Vorabdruck des Programmheftes mit den Aufsätzen des leading teams per E-Mail zu übermitteln, sodass es sich etwas auf das Kommende einstellen kann.

Angesichts des Erlebten machte ich nach der Vorstellung auf der Treppe der Oper eine kleine Publikumsbefragung. Interessanterweise sagten zwei voneinander völlig unabhängige ältere Damen auf die Frage, ob, beziehungsweise wie es ihnen gefallen habe: „Gewöhnungsbedürftig, sehr gewöhnungsbedürftig!“ Auf die zweite Frage, ob sie nochmals in eine Vorstellung dieser „Carmen“ gehen würden, kam ein resolutes „Nein, einmal reicht!“ Die zweite meinte sogar auf meine Frage speziell nach dem musikalischen Eindruck im Weggehen: „Ach, die Leute sind doch heute schon froh, wenn sie überhaupt noch eine bekannte Melodie hören…“ Ist das Opernpublikum in seinen Ansprüchen wirklich schon so weit gesunken?!

 

Klaus Billand

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