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Screenshot aus dem Film. (nmz-online)
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Che bordello! Lorenzo Fioronis tolldreistes Rameau-Movie aus Mannheim

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Nicht versäumen! Nach Monteverdis „Poppea“ hat Lorenzo Fioroni mit seinem spielsatten Ensemble an drei Drehtagen zugeschlagen. Auf der offenen Bühne des Nationaltheaters Mannheim klatschen Mücken-Grisetten gegen die Windschutzscheibe einer echten Prinzenkarosse.

Unter Bernhard Forcks musikalischer Leitung begibt sich für Jean-Philippe Rameaus in Paris 1733 uraufgeführter Oper „Hippolyte et Aricie“ ein expressionistisches Barock-Wunder mit allem Drum und Dran – inklusive Louis quatorze höchstselbst als personelle Edelstaffage. Sophie Rennert (Phèdre), Charles Sy (Hippolyte) und Nikola Diskić (Thésée) sind die ‚étoiles‘ in einem packenden Ensemble, das voll aufdreht von zart bis hart.

Gegen diesen Film stinkt jede noch so geile digitale Premierenfeier ab – und die Verführungsszene gehört zu den aufregendsten Minuten des gesamten Corona-Streaming-Jahres. „bordello“ meint im Italienischen nicht nur Freudenhaus, sondern ebenso mentale Unordnung und strukturelle Totalverwirrung. Der rundum begeisternde Regisseur Lorenzo Fioroni liefert das alles durchglühend und glanzvoll. Das Orchester mit vielen Originalinstrumenten sitzt ziemlich eng an der Bühne und hat einen entscheidenden Anteil daran, wenn im fast cognac-braunen Rahmen des Mannheimer Nationaltheaters die Material- und Menschenschlacht in den totalen, aber in jeder Sekunde haarscharf überlegten und opulent angerichteten Exzess treibt.

Vielleicht erdreisten sich einige kritische Geister, die mutig griffigen Exaltationen für die erste Tragédie-lyrique Jean-Philippe Rameaus nicht zu wertschätzen, sondern als musikalischen Vandalismus zu brandmarken. Aber der am Pult diese Schwelfeuer und Flächenbrände ermöglichende Bernhard Forck und die von ihm angetriebenen Ensembles machen in diesem spätbarocken Ultra-Verismo alles goldrichtig. So weidet man sich als Publikum genüsslich an der glänzend erarbeiteten französischen Prosodie zwischen den Sängerzähnen. Töne wie Pfeile und unterdrückte Schmerzensschreie kommen von den Frauen und von den Männern vielleicht hin und wieder unidiomatische Phrasen. Aber diese virile Vokalgewalt und gekonnte Rhetorik ist ein Fest der detailgenauen Rezitative mit in den Hosentaschen kraftvoll geballten Fäusten. Da sind auch in allen kleineren Partien definitive Könner*innen am Werk wie Estelle Kruger (Diane), Marie-Belle Sandis (Oenone), Uwe Eikötter (Tisiphone) und Patrick Zielke (Jupiter/Pluton). Demzufolge wird die zahme Aricie durch Amelia Scicolone eine kalt glühende Sensation, für die man durchs Feuer gehen könnte, was Hippolyte denn sogar beabsichtigt.

Paul Zoller und Loriana Casagrande lassen im Stage Set zwischen barocker Riesenshow und einem steilen Sportschlitten nichts aus. Katharina Gault liefert feinste Damendessuos, exquisite Herrenanzüge und passend bedrohliche Militäruniformen, die auch einem großen Diktator gefallen würden. Sogar Liz Taylor hätte innerlich gejauchzt, hätte sie so auf allen Vieren vor der Kamera kriechen dürfen wie Sophie Rennert als Phèdre am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil Stiefsohn Hippolyte weniger sie zur sinnlichen Beglückung als den von ihr gröblich vernachlässigten Säugling anschwärmt. Das Ambiente atmet Luxus von edlen Schinken in Öl an den Wänden bis zum barocken Ornat, der sowohl Versailles wie Hollywood abgeguckt wurde. Meisterhaft dazu auch das Video mit der Darstellung ihrer Wunschvision einer hemmungslosen Rammelei mit Hippolyte, die Phèdre sich nicht einmal mit der stichbreiten Obstmesserspitze an ihrem Unterarm und dem Queue am Mieder zu erpressen vermag.

Lorenzo Fioroni macht überdeutlich, dass etwas faul ist in der athenischen Regierungsspitze, obwohl Rameau mit seinem Textdichter Abbé Simon-Joseph Pellegrin aus Racines Tragödie wenigstens für einen Teil der Beteiligten den glücklichen Ausgang herauszupressen vermochte. Der Hedonismus und die diplomatischen Absprachen in der Unterwelt werden in diesem Mannheimer Opernfilm derart aufgekocht und überhitzt, dass zum Schluss die Spruchbänder der aufmarschierenden Gelbwesten nicht verwundern dürften. Die Rankünen weiblicher Luxuswesen und die fragwürdige Noblesse von zwei Männern bei einem Baby machen das politisch-private Dramendesaster komplett. Dabei kann man die Frauen-Traumata des Königs Thésée von Athen nur bedauern – allerspätestens ab dem Moment, wenn die mänadische Phèdre im Video das Mordbeil schwingt. Dabei gäbe es weitaus schlimmere Söhne und Liebhaber als den recht dramatischen Tenor Charles Sy als Hippolyte und den exquisiten Nobel-Bariton Nikola Diskić als Thésée.

Faszinierend: Die musikalisch-szenische Erhitzung forciert nicht das Tempo der Tragédie und des Spielablaufs, sondern vor allem die gebannte Beteiligung des digitalen Publikums bis in die Finger- und Zungenspitzen. Gesungen und gespielt wird auf Obstmessers Schneide und man weiß am Ende noch immer nicht, ob die Frauen, die Männer, die Tanz-Mücken in ihren bordeauxroten Tuit-tuits oder nicht doch die von Phèdre lockend gezeigte reife Frucht das Schönste ist in diesem süßen, wilden, gefährlichen Leben. Bravi tutti!

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