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Kritik - "Salome" in Wien Ein traumatisiertes Kind

Erzählen mit Mensch, Musik und Duft: An der Neuinszenierung von Richard Strauss' "Salome" an der Wiener Staatsoper arbeitete sogar ein Parfümeur mit. Gleichzeitig legt der Regisseur Cyril Teste erschreckende Szenen von Kindesmissbrauch in der Geschichte frei.

Szene aus Richard Strauss' "Salome" in einer Inszeneirung von Cyril Texte an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: Ashley Taylor

Bildquelle: Ashley Taylor

In der Inszenierung von Cyril Teste könnte "Salome" fast wieder zum Skandalstück werden. Seine Deutung des Stücks, das zur Entstehungszeit von der Zensur verboten wurde, zeigt der französische Regisseur, der erstmals außerhalb Frankreichs inszeniert, nun an der Wiener Staatsoper. Salome lässt er nicht während der römischen Besatzung Palästinas zur Zeit von Christus spielen, sondern in den 1960er Jahren unter arabischen Potentaten bei einem Gastmahl. Dabei unterstreicht Teste einen Aspekt des Stücks:  Die Traumatisierung eines vierzehnjährigen Kindes durch die Familie - und zeigt gleichzeitg verblüffende Parallelen zu Shakespeares' "Hamlet".

Schwieriges Thema: Missbrauch in der Familie

Im gleichen Kerker, in dem lange Jahre ihr Vater gefangen war, und den die Mutter letztlich töten ließ, ist nun der Prophet Jochanaan gefangen. Die Mutter hat - wie in Hamlet - den Bruder von Salomes Vater Herodes geheiratet. Und der will dem vielleicht etwas verzogenen Kind, das er selbst begehrt, jeden Wunsch erfüllen. Unterstrichen wird dieser Bezug auch durch einen Verweis auf Thomas Vinterbergs Dogma-Film "Das Fest", in dem ebenfalls bei einem Festmahl der Missbrauch des Vaters an seinen Kindern zur Sprache kommt. Teste arbeitet dabei - durchaus dezent -  in Dogma-Manier mit Live-Kameras, die als Video auf der Rückwand in Großaufnahme immer wieder das Mienenspiel der Beteiligten verraten.

Eins Fest für alle Sinne - Düfte, Farben und Klangrausch

So aktualisierend nüchtern das erscheinen mag, so ist doch in der Wiener Staatsoper ein ungeheuerlich opulenter Klang und Farbenrausch zu vernehmen. Ja sogar an Gerüchen wird nicht gespart. Der Meisterparfümeur Francis Kurkdjian lässt bei Salomes Tanz, für den sie den Totenkopf Jochanaas als Belohnung haben will, erotische Gerüche unter den Zuschauern verströmen. Und nicht nur auf dem Bildschirm ist Salomes Gesicht zusätzlich zu sehen: es ist auch immer wieder verdoppelt, ja verdreifacht, durch eine Kinderdarstellerin (Jana Radda) und eine kindliche, meisterhafte Balletttänzerin (Anna Chesnova).

Großes Orchester trifft auf fantastische Sängerinnen und Sänger

Szene aus Richard Strauss' "Salome" in einer Inszeneirung von Cyrill Texte an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: Michael Poehn Bildquelle: Michael Poehn Orgiastisch ist aber wohl das Orchester unter seinem Noch-Chef Philippe Jordan mit 102 Instrumenten, darunter allein sechs Klarinetten und anderen seltenen Blasinstrumenten. Oft mit voller, gewaltiger Wucht erschütternd, dann wieder ergreifend Stille beschwörend. Sängerin Malin Byström – imponierend auch im Spiel als lebendiger, selbstbewusster Teenager – kann das gewaltige Orchester mühelos übertönen, wie auch Gerhard Siegel als Herodes. Michaela Schuster ist eine Herodias, die zusehen muss, wie ihr Mann die kindliche Tochter statt ihrer begehrt. Seine Warnrufe aus dem Kerker lässt Wolfgang Koch als Jochanaan erschallen. Er ist Vaterersatz, doch er hat sie verschmäht und nicht angesehen. So küsst sie den Totenkopf und beißt in seine Lippen. Bei Cyril Teste ist das kein Totenschädel, sondern eine Maske, die sich der Henker Jochanaans umgeschnallt hat.

Salome als sexualisiertes Kind

Salome, noch immer ein Skandalstück:  Zur Entstehungszeit Salomes waren vierzehnjährige "Kindweiber" ein beliebtes Thema. Salome, Elektra, Lulu, oder der pornographischen Roman "Josefine Mutzenbacher" - sie alle sind Jugendliche. Zur gleichen Zeit untersucht – die Gesellschaft schockierend -  Sigmund Freud die Sexualität des Kindes. Wissenschaftliches Interesse? Bewältigung von Traumata? Oder doch Pädophilie, wie zum Beispiel beim um die Jahrhundertwende beliebten Kaffeehausliteraten Peter Altenberg? Das Kind Salome ist jedenfalls ziemlich fern und doch ganz aktuell gleichzeitig, ungeheuerlich aufwühlend jedenfalls.

Weitere Aufführungen von "Salome":

4.,8.,10. und 12. Februar. Eine Live-Übertragung der Aufführung vom 12. Februar gibt es um 20:15 Uhr in ORF III  und als Live-Stream unter www.wiener-staatsoper.at.

Sendung: Allegro am 3. Februar 2023 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (4)

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Samstag, 04.Februar, 15:02 Uhr

B.D.

Gerüche

Da habe ich wohl - wie auch Zuschauer neben mir - die in der eindrucksvollen Tanzszene aus Aufregung aufsteigenden Parfumgerüche für die angekündigte Duftregie gehalten. Die Wiener Aufführung zeigte jedenfalls eindrucksvoll, dass sich klinischer Befund und große überbordende Sinnlichkeit keineswegs ausschließen. bd

Samstag, 04.Februar, 10:26 Uhr

Jemand

Ich habe viel gelernt aus der Kritik. "darunter allein sechs Klarinetten und anderen seltenen Blasinstrumenten" liest man da. Jetzt weiß ich, dass Klarinetten selten sind.

Freitag, 03.Februar, 16:38 Uhr

Wilhelm

Salome Wiener Staatsoper - Kritik

Merkwürdig, ich las dass der Magistrat der Stadt Wien kurz vor der Premiere das Versprühen von Parfum verbot da Allergien zu befürchten seien.
Was hat Herr Doppler da gerochen, und warum hat er zu Aufführung und Publikumsreaktionen gar nichts zu sagen? Bitte klarstellen ob der "Kritiker" überhaupt dabei war.

Freitag, 03.Februar, 11:40 Uhr

Martin

Salome

Was ist das denn für eine Kritik? Nichts zur musikalischen Seite. Wie haben die Sänger denn nun gesungen? wie ihre Rollen interpretiert? wie der Dirigent? Es kann doch nicht wahr sein, dass so etwas als Kritik durchgeht, was lediglich eine oberflächliche Beschreibung von Bühnengeschehen ist und die Feststellung, dass bei Salome 102 Musiker im Orchester sitzen. Habt ihr gar keinen Qualitätsanspruch mehr? Peinlich.

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