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Ottone, Re di Germania

Dramma per musica in drei Akten
Libretto
von
Nicola Francesco Haym
Musik von Georg Friedrich Händel


in italienischer Sprache mit englischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere im Badischen Staatstheater am 17. Februar 2023
im Rahmen der 45. Internationalen Händel-Festspiele
(rezensierte Aufführung: 19.02.2023)

 
 
 
Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)

Auf der Suche nach der Liebe 

Von Thomas Molke / Fotos: © Felix Grünschloß

Händels am 12. Januar 1723 am King's Haymarket Theatre in London uraufgeführte Oper Ottone, Re di Germania kann sicherlich als die "deutscheste" Oper des Wahl-Londoners bezeichnet werden, die mit ihren realen historischen Figuren der frühen deutschen Geschichte ganz ohne den üblichen Apparat der barocken Zauberoper auskommt. Händel selbst stieß auf das Sujet der Ottonenkaiser 1719 in Dresden, als er auf der Suche nach Sängern für seine Royal Academy of Music einer Aufführung von Antonio Lottis Teofane beiwohnte, die August der Starke anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes Friedrich August von Sachsen mit der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich in Auftrag gegeben hatte. Da sich Händels Dienstherr, der Welfenkönig Georg I., genauso als Nachfahre Ottos I. verstand wie der damalige sächsische Hof, verließ Händel Dresden nicht nur mit den angeworbenen Sängern, zu denen der Starkastrat Senesino, die Sopranistin Margherita Durastanti und der Bassist Giuseppe Maria Boschi zählten, sondern auch mit dem Libretto zu Lottis Oper im Gepäck, das er in London von Nicola Francesco Haym umarbeiten ließ. Mit seiner Bearbeitung des Stoffes gelang ihm in London ein riesiger Erfolg, so dass sich Ottone zu Händels Lebzeiten zu einer seiner meistgespielten Werke entwickelte. Als einzige Oper Händels stand sie auch für eine Aufführungsserie bei Händels Konkurrenzunternehmen, der Opera of the Nobility, auf dem Programm, wobei neben Senesino in der Titelrolle und Francesca Cuzzoni als Teofane kein Geringerer als Farinelli in der Partie des Adelberto zu erleben war.

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Ottone (Yuriy Mynenko) und Teofane (Lucía Martín-Cartón) lieben einander.

Die Handlung basiert auf einem realen historischen Ereignis aus dem Jahr 972, in dem der deutsche König Otto II. (Ottone) die byzantinische Prinzessin Teophanu (Teofane) heiratete, was zu einer Allianz zwischen dem weströmischen und oströmischen Reich und zur Kaiserkrönung Ottos II. führte, dessen Vater Otto I. auf Drängen des Papstes 961 mit seinem Heer nach Italien gezogen war und den dort herrschenden lombardischen König Berengar II. besiegt und abgelöst hatte. In der Oper stehen die Intrigen im Mittelpunkt, von denen diese Vermählung überschattet wird. So will Gismonda, die Witwe Berengars, für ihren Sohn Adelberto den Thron zurückerlangen und ihn mit Teofane verheiraten, um auf diese Weise Ottone Braut und Reich zu entreißen. Dazu gibt sich Adelberto auf ihr Anraten als Ottone aus, der selbst gerade in einen Kampf mit dem Piraten Emireno auf dem Meer verstrickt ist. Kurz vor der Hochzeit fliegt der Schwindel allerdings auf, als Ottone siegreich aus der Schlacht zurückkehrt. Adelberto wird für seinen Umsturzversuch festgenommen und gemeinsam mit Emireno abgeführt. Durch Ottones Cousine Matilda, die Adelberto liebt, gelingt den beiden jedoch die Flucht. Teofane, die völlig verstört ist, da sie Matilda für Ottones Geliebte hält, fällt Adelberto in die Hände und wird von ihm entführt. Doch Emireno entpuppt sich als Teofanes verschollener Bruder Basilio, der Adelbertos Vorhaben vereitelt und ihn erneut Ottone ausliefert. Da der geplanten Hochzeit nun nichts mehr im Wege steht, überzeugt Teofane Ottone davon, Gnade walten zu lassen und seinen Feinden zu vergeben. Adelberto schwört dem neuen Kaiser Treue und darf zur Belohnung dessen Cousine Matilda heiraten. Gismonda verspricht, ebenfalls von ihrer Rache abzulassen.

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Adelberto (Raffaele Pe) gibt sich Teofane (Lucía Martín-Cartón) gegenüber als Ottone aus.

Carlos Wagner wählt für seine Inszenierung einen nahezu klassischen Ansatz. Christopher Ouvrard hat für das Bühnenbild über zwei Ebenen eine Art Palast kreiert, der in die Jahre gekommen ist und bei dem der Putz abbröckelt. Die Fassade dieses Palastes wirkt so brüchig wie die Herrschaftsverhältnisse zu Beginn der Oper. Den einzelnen Figuren sind in den recht aufwändigen Kostümen, für die ebenfalls Ouvrard verantwortlich zeichnet, eindeutige Farben zugeordnet. Gismonda und Adelberto, die einen Anspruch auf die verlorene Herrschaft erheben, sind in Weiß gekleidet und wirken nahezu wie Statuen aus einer längst vergangenen Zeit. Auch ihre Gesichter sind weiß geschminkt, was wohl andeutet, dass ihre Zeit vorbei ist. Adelberto wirkt mit seinen grauen Haaren bereits wie ein alter Mann und keineswegs wie Gismondas Sohn, der mit Teofane den Herrschaftsanspruch zurückerlangen will. Die "Deutschen" Ottone und Matilda sind schwarz gekleidet, was sie eigentlich als relativ hart kennzeichnet, obwohl sie das im Stück keineswegs sind. Während Ottone sich in der Oper nämlich nur für Teofane interessiert und ihn die politischen Intrigen ständig aus dem Gleichgewicht bringen, ist Matilda hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Adelberto und der Missbilligung seines Verhaltens. Immer wieder hilft sie ihm aus der Patsche, um sich dann anschließend doch wieder auf die Seite Ottones zu stellen. Teofane bringt mit ihrem goldglänzenden Kleid ein wenig Exotismus ins Spiel und unterstreicht damit gleichzeitig, wieso sie sowohl von Ottone als auch von Adelberto begehrt wird. Emireno trägt als vermeintlicher Pirat Emireno zunächst dunkles Lila, bevor er sich am Ende durch ein goldenes Hemd als Teofanes Bruder Basilio zu erkennen gibt.

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Matilda (Sonia Prina, vorne) bittet Ottone (Yuriy Mynenko) um Gnade für Adelberto. Das wird von Teofane (Lucía Martín-Cartón, im Hintergrund) missverstanden.

Die Bühne ist gewissermaßen dreigeteilt. Auf der rechten und linken Seite führen über zwei Ebenen Treppen zu jeweils einem Thron der sich auf beiden Seiten befindet. Den Thron auf der rechten Seite beansprucht Gismonda, doch sie wird am Ende von Ottone vertrieben und auf ihren Platz in der unteren Ebene verwiesen. Auf dem linken Thron nimmt am Ende Emireno Platz, um so das Bündnis zwischen west- und oströmischem Reich zu manifestieren. Teofane fungiert mit einem goldenen Kranz auf dem Kopf im Mittelteil der Bühne als Bindeglied zwischen diesen beiden Reichen. Auf diesem Mittelteil befindet sie sich auch zu Beginn der Oper, während sie in einem Bett sehnsüchtig auf die Ankunft ihres versprochenen Bräutigams Ottone wartet. Anstatt eines Bildnisses, das sie von ihrem zukünftigen Gatten bei sich trägt und in das sie sich verliebt hat, stellt Wagner ihr in seiner Inszenierung eine Büste von Ottone zur Seite, die zu Beginn der Oper zu Bruch geht, wenn sich Adelberto ihr als Ottone nähert, dabei jedoch der Büste gar nicht entspricht. Der untere Mittelteil lässt sich drehen und zeigt auf der Rückseite, dass dieser Palast eigentlich nur noch Fassade und eigentlich bereits eine Ruine ist. Mehrere lose Bretter führen vom Boden auf die erste Ebene. Dazwischen liegen Steine und Geröll. Auf der linken Seite befinden sich die Reste eines Bootes. Darin nehmen Emireno und Adelberto Platz, wenn sie mit Teofane als Geisel aus dem Gefängnis fliehen wollen. Dass sie damit nicht weit kommen, erklärt sich von selbst. Die losen Bretter lassen den Bereich wie ein Labyrinth wirken, in dem jeder auf der Suche zu sein scheint. Ottone und Teofane können hier zunächst lange Zeit nicht zueinander finden. So erfolgt das erste Treffen auch erst nach der Pause und ist von Misstrauen geprägt, da Teofane eifersüchtig auf Matilda und Ottone eifersüchtig auf Adelberto ist.

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Matilda (Sonia Prina, Mitte) soll Adelberto (Raffaele Pe, Mitte) hinrichten (auf der linken Seite: von links: Emireno (Nathanaël Tavernier) und Ottone (Yuriy Mynenko), auf der rechten Seite: Gismonda (Lena Belkina)).

In diesem Ambiente gelingt es Wagner, mit einer guten Personenregie die Geschichte absolut verständlich und librettonah zu erzählen. Dazu steht ihm ein darstellerisch und musikalisch hervorragendes Ensemble zur Seite. Da ist zunächst Yuriy Mynenko in der Titelpartie zu nennen. Mit flexiblem Countertenor gestaltet er absolut glaubhaft Ottones Wandel von einem selbstbewussten Sieger zu einem unsicheren Zweifler, dessen Gedanken nur um Teofane kreisen. Dabei punktet er mit kraftvollen Koloraturen in den Höhen und begibt sich absolut bruchlos auch in die tieferen Register. Lucía Martín-Cartón begeistert als Teofane mit weichem Sopran und strahlenden Höhen und vollzieht überzeugend die Entwicklung der jungen Prinzessin von einem unsicheren Mädchen zu einer selbstbewussten Frau, die langsam ihren Weg findet und die Leitung übernimmt. Nahezu zerbrechlich wirkt sie noch in ihrer ersten Arie "Falsa immagine", in der sie verwirrt ist, wieso der ihr als Ottone vorgestellte Mann dem Bildnis - in dieser Inszenierung der Büste - keineswegs ähnlich sieht. Wesentlich kämpferischer zeigt sie sich, nachdem sie Adelbertos und Gismondas Intrige durchschaut hat, und punktet im Duett mit Mynenko mit leuchtenden Koloraturen.

Lena Belkina stattet die Partie der Gismonda mit einem kämpferischen Mezzosopran aus, der den Machtanspruch der ehemaligen Herrscherin unterstreicht. Einen musikalischen Höhepunkt stellt ihre große Arie "Trema, tiranno" dar, in der sie nach der geglückten Flucht ihres Sohnes über Ottone triumphiert. Hier begeistert Belkina mit flexiblen Läufen und einer Entschlossenheit, die deutlich macht, dass man sich mit dieser Frau besser nicht anlegen sollte. Sonia Prina punktet als Matilda mit einem dunklen Mezzosopran und stellt ihre Gefühlsschwankungen mit atemberaubenden Läufen dar. Im Ohr bleibt auch das Duett mit Belkina, in der Matilda und Gismonda ihren scheinbaren Triumph über Ottone feiern. Raffaele Pe gestaltet Gismondas recht willensschwachen Sohn Adelberto mit weichem Countertenor. Neben den fünf hervorragenden Gästen rundet Ensemble-Mitglied Nathanaël Tavernier als Emireno die Riege der Solistinnen und Solisten mit kraftvollem Bass großartig ab. Carlo Ipata zaubert mit den Deutschen Händel-Solisten aus dem Orchestergraben einen zarten Händel-Sound, der sich auf absolutem Festspiel-Niveau bewegt. So gibt es auch in der zweiten Aufführung großen Jubel und am Ende auch stehende Ovationen für ein hervorragendes Ensemble und eine gute Inszenierung.

FAZIT

Carlos Wagner gelingt es, in Karlsruhe eine weitgehend klassische Inszenierung ohne Staub auf die Bühne zu bringen. Das Ensemble bewegt sich auf Festspiel-Niveau. Wenn man in diesem Jahr keine Karten mehr ergattern kann, gibt es bei den 46. Internationalen Händel-Festspielen im Februar 2024 noch einmal die Möglichkeit, diese Produktion zu erleben.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Carlo Ipata

Regie
Carlos Wagner

Bühne und Kostüme
Christopher Ouvrard

Licht
Rico Gerstner

Dramaturgie
Dr. Matthias Heilmann

 

Deutsche Händel-Solisten

Statisterie des Staatstheaters Karlsruhe


Solistinnen und Solisten

Ottone
Yuriy Mynenko

Teofane
Lucía Martín-Cartón

Emireno
Nathanaël Tavernier

Gismonda
Lena Belkina

Adelberto
Raffaele Pe

Matilda
Sonia Prina

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)



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