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Kritik – Tschaikowskys "Pique Dame" an der Semperoper Dresden Russland als Toteninsel

Peter Tschaikowskys düsterer Abgesang auf Russlands Fremdenfeindlichkeit und Militarismus erweist sich in der Regie von Andreas Dresen als eher abstrakt-unterkühlte Angelegenheit. Das Publikum war gleichwohl angetan.

Szene aus Tschaikowskys "Pique Dame" an der Semperoper Dresden (Inszenierung Andreas Dresen, Juli 2023) | Bildquelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Bildquelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Wehe, in Russland ist es mal sonnig, da empfiehlt auf jeden Fall ein Regenschirm, denn der Gewittersturm lässt nicht lange auf sich warten. Klingt natürlich nach einem Gleichnis auf die politische Gegenwart unter Putin, doch windig und ungemütlich ist es auch in Peter Tschaikowskys „Pique Dame“, die in St. Petersburg spielt. An der Dresdener Semperoper allerdings sieht diese wunderbare Stadt an der Ostsee mit ihren sprichwörtlichen „Weißen Nächten“ im Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau eher aus wie eine düstere Toteninsel: Die grauschwarzen Wände, die sich zu einem Irrgarten verdrehen können, erinnern tatsächlich an das berühmte symbolistische Gemälde von Arnold Böcklin, wo die Seelen der Toten hinüberfahren auf ein Eiland, dessen schattige Zypressen von Felswänden eingerahmt sind: Schweigen, Abschied, Tod.

Ohne Hoffnung und Perspektive

Ja, auch Hermann, der tragische Held dieser Geschichte, spricht ständig vom Tod – und er hat reichlich Gründe dafür: Als Deutscher fühlt er sich fremd in Russland, ist unglücklich verliebt, hat kein Geld und kein Ansehen, ist gefangen in seinen Wahnvorstellungen von der titelgebende „Pique Dame“, die angeblich das Geheimnis der drei Karten kennt, die stets gewinnen. Das kann nicht gut gehen, und so endet die Erzählung von Alexander Puschkin und die Oper von Peter Tschaikowsky entsprechend hoffnungs- und perspektivlos: Die Liebenden kommen nicht zueinander, der Held zerbricht an den gesellschaftlichen Verhältnissen und den eigenen Ansprüchen. Typisch russisch, ja, auch archaisch, urtümlich, seelenvoll.

Unterkühltes Spiel der Hauptdarsteller

Szene aus Tschaikowskys "Pique Dame" an der Semperoper Dresden (Inszenierung Andreas Dresen, Juli 2023) | Bildquelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah Bildquelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah Regisseur Andreas Dresen, bekannt von seinen Filmen „Sommer vorm Balkon“ oder „Wolke 9“ hat ein Gespür für den Stoff, wenngleich seine Deutung der „Pique Dame“ doch arg abstrakt und optisch fast schon steril wirkt. Das liegt nicht nur am beschriebenen Bühnenbild, das wohl auch an die Hirnwindungen von Hermann erinnern soll, sondern auch am sehr unterkühlten Spiel der Hauptdarsteller, der litauischen Sopranistin Vida Miknevičiūtė als Lisa und dem russischen Tenor Sergey Polyakov als Hermann. Sie sind seltsam unbeteiligt in ihrem Ringen um Liebe, eigentlich viel zu sehr damit beschäftigt, in einer abweisenden Welt irgendwie zu überleben, sich gegen Widerstände zu behaupten, was in Russland zu allen Zeiten kräftezehrend ist.

Vage Visionen von Regisseur Dresen

Was Andreas Dresen konkret an der Oper interessiert, blieb recht vage, denn seine Aussage im Programmheft, ihm gehe es um das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, ist natürlich maximal unkonkret. Aufschlussreich immerhin, dass Kostümbildnerin Judith Adam alle Mitwirkenden in Uniformen steckt, die Frauen als Rotkreuzschwestern, die Männer als Soldaten und die Kinder als Kadetten und Pioniere ausstaffiert. Da wird also eine total militarisierte Gesellschaft porträtiert, was auf das Russland zu Tschaikowskys Zeiten sicherlich viel weniger passt als auf Putins Gegenwart. Ansonsten fehlten allerdings Anspielungen auf den Krieg in der Ukraine und Russlands fatalen Abstieg in ein autoritäres Regime. Immerhin: Bei den Proben sei es ausgesprochen friedfertig zugegangen unter den Nationen, so Dresen, vorurteilsfrei und ohne Fanatismus. Aber hätte das nicht statt im Programmheft auf der Bühne stattfinden müssen, in diesen Zeiten?

Viel Gefallen beim Premierenpublikum

Szene aus Tschaikowskys "Pique Dame" an der Semperoper Dresden (Inszenierung Andreas Dresen, Juli 2023) | Bildquelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah Evelyn Herlitzius als mondäne Gräfin | Bildquelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah Wie auch immer: Diese ziemlich unentschlossene, geometrisch abgezirkelte Deutung fand beim Premierenpublikum viel Gefallen und wurde entsprechend beklatscht. Daran hatte Evelyn Herlitzius als mondäne Gräfin sicherlich ihren Anteil, so herrlich aufgedonnert, wie sie im Rollstuhl durch die Kulisse geschoben wurde und ihren rosaroten Flausch-Mantel spazieren führte. Eine fürwahr gespensterhafte Pique Dame, die noch aus dem Jenseits weiß, alle Fäden in der Hand zu halten. John Lundgren als Graf Tomskij hatte leider keinen guten Abend erwischt, schon beim ersten Auftritt versagte die Stimme, nach der Pause ließ er sich entschuldigen und stand die Partie tapfer durch. Insgesamt ein Abend, der erst gegen Ende der drei Stunden wirklich berührend wurde, in der Schlussszene, die Hermanns ganzes Elend kulminieren lässt. Er setzt alle Hoffnungen auf Reichtum, auf Glück im Spiel, hat sich also im Materialismus verrannt und glaubt, dass nur der alle Probleme löst. Das wiederum ist in der Tat eine beklemmende Parabel auf das Russland von heute, das so sehr den Oligarchen huldigt und vor den Milliarden niederkniet. Tschaikowsky hätte wohl gestaunt.

Sendung: "Allegro" am 3. Juli 2023 um 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (3)

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Montag, 03.Juli, 15:36 Uhr

Elisabeth

Antwort Kritik ohne Musik

Ich war in der Premiere und kann mich voll und ganz der Beschreibung des Abends anschließen..insgesamt bleiern, statisch. Zur Musik: Der militärische Klang in der Partitur wurde wunderbar leicht erarbeitet, ohne grob klingen, allerdings kam es mehrfach zu einem Zeitversatz zwischen Chor und Orchester, was in der Häufigkeit doch störend ist. Der Premierenapplaus galt den großartigen Leistungen der Sängerinnen und Sängern!

Sonntag, 02.Juli, 11:17 Uhr

Michael Kinder

Kritik Pique Dame Dresden

Interessant, dass mal wieder einem Kritiker eine Opernaufführung zu den sängerischen Leistungen, Dirigat und der Leistung des Orchesters offensichtlich überhaupt nichts einfällt.

Sonntag, 02.Juli, 08:54 Uhr

Peter

Pique Dame Kritik ohne Musik

Und schon wieder schreibt Herr Jungblut eine Kritik, in der die musikalische Seite so gut wie nicht vorkommt. Sänger wichtiger Partien werden nicht einmal erwähnt, einen Dirigenten scheint es gar nicht gegeben zu haben. Nicht einmal seine sonst üblichen, nichtssagenden Adjektive zu den Sangesleistungen kramt er diesmal hervor. Was soll so eine Rezension über ein Oper? Zumal auf der Seite eines Klassiksenders? Das journalistische Niveau der Rezesnionen hier sinkt und sinkt...

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