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Wexford Festival Opera
24.10.2023 - 05.11.2023


L'italiana in Algeri

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Angelo Anelli
Musikalisches Arrangement von Giuseppe Montesano
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere im National Opera House in Wexford am 28. Oktober 2023



 

 

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Gestrandet im Hotel

Von Thomas Molke / Fotos: © Pádraig Grant

Die von der künstlerischen Leiterin des Festivals, Rosetta Cucchi, gegründete "Wexford Factory" geht in diesem Jahr mittlerweile ins vierte Jahr. Über einen Zeitraum von zwei Jahren können hier ausgewählte überwiegend irische Künstler*innen in Workshops vor dem Festival Meisterklassen genießen, zu denen namhafte Lehrer*innen eingeladen werden, die bereits auf eine große internationale Karriere zurückblicken. Daneben sind die jungen Künstler*innen in den großen Opernproduktionen, den Pocket Operas, der Community Opera und in den Pop-Up Events zu erleben. Der Höhepunkt ist in jedem Jahr allerdings die Erarbeitung einer eigenen Opernaufführung auf der Hauptbühne im National Opera House. Nach der im vergangenen Jahr relativ neuen Oper Cinderella der jungen Komponistin Alma Elizabeth Deutscher, die 2016 in Wien uraufgeführt worden war, gibt es im zweiten Jahr der diesjährigen Factory-Mitglieder wieder einen Opernklassiker: Gioachino Rossinis L'italiana in Algeri.

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Isabella (Marta Pluda, rechts) will Elvira (Hanna O'Brien, links) helfen, ihren Gatten Mustafà zurückzugewinnen.

Rossinis Dramma giocoso hat sich mittlerweile neben dem Barbiere und der Cenerentola einen festen Platz im Repertoire der Opernhäuser zurückerobert. Einen bedeutenden Anteil daran dürften nicht zuletzt die schmissige Ouvertüre, das grandiose Finale des ersten Aktes und das urkomische "Pappataci"-Terzett im zweiten Akt haben. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass Rossinis elfte Oper in Venedig nur ein Lückenbüßer für das ursprünglich geplante Werk von Carlo Coccia, La donna selvaggia, gewesen sei, da dieses nicht rechtzeitig fertiggestellt worden sei. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass Rossini höchstpersönlich den Impresario Giovanni Gallo gebeten hat, ihm den Kompositionsauftrag zu geben, da seine in Mailand im Jahr zuvor mit überwältigendem Erfolg uraufgeführte Oper La pietra del paragone bei der Wiederaufnahme in Venedig ein Flop wurde und Rossini diesen Misserfolg wettmachen wollte. Die Zeit, ein neues Libretto zu erstellen, war mit knapp vier Wochen natürlich zu kurz, so dass Rossini auf ein Stück zurückgriff, das Luigi Mosca bereits fünf Jahre zuvor für Mailand vertont hatte. Mit einigen Überarbeitungen und Anpassungen stand die Oper, die inhaltlich ganz die damalige Begeisterung für orientalische Themen bediente, über mehrere Wochen erfolgreich auf dem Spielplan.

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Isabella (Marta Pluda) macht Mustafà (Giorgi Manoshvili, vorne) gemeinsam mit Lindoro (Victor Jiménez Moral, hinten links) und Taddeo (hier: Eoin Foran, hinten rechts) zum Pappataci.

Die Handlung soll auf der wahren Geschichte der Mailänderin Antonietta Frappoli basieren, die 1808 Berühmtheit erlangte, als es ihr aus nicht genau geklärten Gründen gelang, aus der Gefangenschaft im Harem des Beys von Algier über Venedig in ihre Heimatstadt zurückzukehren. In der Oper heißt der Bey Mustafà, was wahrscheinlich eine Anspielung auf Mustafa II. darstellen soll, der von 1798 bis 1805 als osmanischer Statthalter über die Provinz Algier herrschte. Er ist seiner Frau Elvira überdrüssig und glaubt, dass nur eine Italienerin seinen Bedürfnissen nach der "idealen Frau" entsprechen könne. Diese erscheint in Gestalt der schönen in Algier gestrandeten Isabella, die in Begleitung ihres ältlichen Verehrers Taddeo von Livorno aufgebrochen ist, um ihren Geliebten Lindoro zu suchen. Wie es der Zufall will, wird dieser als Sklave bei Mustafà gefangen gehalten. Mit List und Charme gelingt es Isabella, sich den Bey gefügig zu machen. So verhindert sie, dass Mustafà seine bisherige Gattin verstößt, und ernennt ihn anschließend zum Pappataci, dessen einzige Beschäftigung darin besteht, zu essen, zu trinken und zu schweigen. Auf diese Weise gelingt ihr mit Lindoro und Taddeo die Flucht nach Italien. Mustafà, der den Betrug zu spät erkennt, bittet seine Gattin Elvira demütig um Verzeihung.

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Taddeo (William Kyle) im Zwiespalt: Soll er gehen oder bleiben?

Conor Hanratty verlegt die Handlung in ein Hotel an der nordafrikanischen Küste. Der Bey Mustafà ist der Eigentümer, und seine Ehefrau Elvira ist die Managerin, derer er mittlerweile überdrüssig ist. Als Mann, der an diesem Ort zahlreichen Touristinnen begegnet, hat er eine Vorstellung, wie seine nächste Traumfrau sein soll. Er muss also nur auf eine passende Italienerin warten, die früher oder später sowieso in seinem Hotel logieren wird. Da er ein wenig ungeduldig ist, will er nicht warten und gibt seinem Angestellten Haly entsprechende Anweisungen, nach einer passenden Dame unter den Gästen Ausschau zu halten. Lindoro ist hier kein Sklave, sondern ein mittlerweile mittelloser junger Mann, der bei Mustafà Schulden hat, die er durch niedere Arbeiten im Hotel abarbeiten muss. In diesem Ambiente entfaltet sich die wunderbare Komik des Stückes und geht dabei szenisch auf. Die Rückwände des Bühnenbildes kommen einem bekannt vor, wenn man vor zwei Jahren Hanrattys Inszenierung von Bellinis I Capuleti e i Montecchi gesehen hat. Diese Produktion war ebenfalls ein Projekt der "Wexford Factory". Vor diesen Wänden deuten mehrere Stühle und Tische mit einer Bar im Hintergrund das passende Ambiente eines Hotels an.

In diesem Setting entfachen die jungen Künstler*innen ein szenisches und musikalisches Feuerwerk vom Feinsten. Unter den talentierten jungen Sängerinnen hat man sogar jeweils drei Besetzungen für die Titelpartie und Elvira und zwei für die Rolle des Taddeo. In der Premiere übernimmt Marta Pluda die Partie der Isabella. Mit voluminöser Mittellage und dramatischen Höhen begeistert sie direkt bei ihrer Auftrittsarie "Cruda sorte!", in der sie den Gefahren der Reise aus Liebe zu ihrem Lindoro trotzt. Im weiteren Verlauf setzt sie mit großem Charme ihre weiblichen Reize stimmlich und darstellerisch hervorragend in Szene, so dass es regelrecht Spaß macht, zuzusehen, wie sie Taddeo und Mustafà manipuliert und Lindoros Eifersucht beruhigt. Dabei besitzt ihr dunkel gefärbter Mezzosopran in den schnellen Läufen eine enorme Beweglichkeit. Auch in ihrem berühmten Schluss-Ronḍ "Pensa alla patria", das sie anstimmt, kurz bevor sie mit Lindoro und Taddeo zurück in die Heimat aufbricht, begeistert Pluda mit beweglicher Stimmführung und großer Dramatik. Hanna O'Brien hält als Elvira mit einem leuchtenden Sopran und klaren, sauberen Höhen dagegen. Das "devote Weibchen" mimt sie sehr überzeugend, so dass klar wird, dass dieser Typ Frau einem Macho wie Mustafà irgendwann auf die Nerven gehen muss. Sarah Luttrell legt die Partie der Zulma mit rundem Mezzosopran recht kess an und flirtet auch heftig mit Peter Lidbetter als Mustafàs Vertrautem Haly.

Ein weiterer Höhepunkt der Aufführung ist Giorgi Manoshvili als Mustafà. Als testosteron-gesteuerter Macho begeistert er bei seiner Auftrittsarie mit fulminantem Bass. Auch die schnellen Läufe liegen ihm wunderbar in der Kehle. Seine Überlegenheit Lindoro gegenüber macht er stimmlich im ersten Akt mehr als deutlich, wenn er diesen mit seiner Frau Elvira verkuppeln will und sämtliche Einwände des jungen Mannes autoritär aus dem Weg räumt. Dabei gelingt ihm allerdings auch ein leichtes ironisches Augenzwinkern, so dass man ihn bei allem Gepolter nicht wirklich ernst nehmen kann. Das unterstreicht er auch noch, wenn er Isabella begegnet und sofort von ihr begeistert ist. Großen Spielwitz beweist er auch in dem Terzett mit Lindoro und Taddeo, wenn er sich in die Pflichten eines Pappataci einführen lässt und ein T-Shirt in den Nationalfarben Italiens überzieht. Victor Jiménez Moral punktet als Lindoro mit feinem, lyrischem Tenor und mimt die Eifersucht des jungen Mannes absolut glaubhaft. Großes komisches Potenzial zeigt auch William Kyle als leicht schusseliger Taddeo, der von Mustafà zum Kaimakan ernannt wird und bis zum Schluss eigentlich hofft, dass Isabellas Herz ihm gehört. Mit flexiblem Bariton muss er dann am Schluss eine Entscheidung treffen, ob er mit Isabella und Lindoro das Land verlässt oder bei Mustafà bleibt, wobei ihm sehr schnell klar wird, dass Bleiben für ihn nicht wirklich eine Alternative sein kann.

Das WFO Ensemble ist wesentlich kleiner besetzt als das Orchester für die Abendveranstaltungen, punktet aber unter der Leitung von Gioele Muglialdo mit sauberem Klang, auch wenn man sich diesen an der einen oder anderen Stelle etwas üppiger gewünscht hätte, was jedoch in der kleinen Besetzung nicht möglich ist. So bekommt man alles in allem von den Absolvent*innen der "Wexford Factory" eine Abschlussveranstaltung geboten, die es mit den großen Opernproduktionen des Festivals durchaus aufnehmen kann.

FAZIT

Das Projekt "Wexford Factory" stellt erneut unter Beweis, wie lohnend die Teilnahme für junge Künstler*innen ist, die am Beginn einer hoffentlich großen Karriere stehen. Diese Italiana überzeugt in jeder Hinsicht.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gioele Muglialdo

Inszenierung und Bühne
Conor Hanratty

Kostüme
Frances White

Licht
Daniele Naldi

 

WFO Ensemble

 

Solistinnen und Solisten

*rezensierte Aufführung

Isabella
Deirdre Arratoon /
*Marta Pluda /
Anna Helena MacLachlan

Lindoro
Victor Jiménez Moral

Taddeo
Eoin Foran /
*William Kyle

Mustafà
Giorgi Manoshvili

Elvira
Ami Hewitt /
*Hanna O'Brien /
Leah Redmond

Zulma
Sarah Luttrell

Haly
Peter Lidbetter


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