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GRAZ / Oper Graz: Premiere DIE NACHTIGALL VON GORENJSKA

Die slowenische Nachtigall singt und entzückt nun auch in Österreich

11.02.2024 | Oper in Österreich
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Sieglinde Feldhofer vor dem Triglav. Alle Fotos: Oper Graz / Werner Kmetitsch

GRAZ / Grazer Oper: Erstaufführung DIE NACHTIGALL VON GORENJSKA

10. Feber 2024 (Premiere)

Von Manfred A. Schmid

Die Oper über die gesangsbegabte junge Minka, die von einem französischen Impressario zufällig bei einem Besuch in ihrem Dörfchen in Gorenjska (Oberkrain) entdeckt wird, wurde 1872 zunächst als Operette aufgeführt und gilt, seit ihrer Umarbeitung und Premiere 1896 in Laibach, als d i e slowenische Nationaloper schlechthin. Ihr Schöpfer, Anton Foerster, stammte aus Böhmen, verbrachte aber den Großteil seins Lebens als Chorleiter und angesehener Musiker in Slowenien, wo Die Nachtigall von Gorenjska weiterhin immer wieder auf den Spielplänen nicht nur des Laibacher Opernhauses, sondern auch von Kulturvereinen im ganzen Land steht. Es ist wohl ein Zeichen von Arroganz und Überheblichkeit, dass man in den deutschsprachigen Ländern dieses Werk bisher nicht zur Kenntnis genommen hat. Klagenfurt ist nur 88 Kilometer von Laibach entfernt, aber die späte Erstaufführung findet nicht in Kärnten statt, wo es bekanntlich eine starke slowenischsprachige Minderheit gibt, sondern es ist das Verdienst der Oper Graz und ihres Intendanten Ulrich Lenz, dass nun, 130 Jahre nach der Uraufführung, dieses Werk endlich zum ersten Mal auch „in deutschen Landen“ wahrgenommen wird.

In der romantischen Oper, nach einem Libretto von Luiza Pesjak und Emanuel Züngel, dreht sich alles um den Begriff Heimat. Denn als Minka sich bereit erklärt, der Verheißung einer Karriere als Sängerin Folge zu leisten und ihre Heimat zu verlassen, weil sie so ihrer Mutter in ihrer Not auch finanziell beistehen könnte, mobilisiert sich die Bevölkerung. In bewährter Oper-Buffa-Manier wird sogar eine Gerichtsverhandlung gegen den ausländischen „Entführer“ angestrengt, bis sich alles in Wohlgefallen auflöst. Der fremde Gast verzichtet großmütig auf sein Vorhaben, Minka bleibt und wird ihre Mutter wie ihren geliebten Franjo nicht verlassen.

Inszeniert wird die Geschichte von Janusz Kica, der die Handlung in die Jetztzeit verlegt. Den Konflikt zwischen der Landbevölkerung und dem Eindringling stellt er in den Mittelpunkt und zeigt auf, dass ein Ausgleich nicht unmöglich ist. Dass es sich dabei um eine historische Auseinandersetzung handelt, deutet Kica dadurch an, dass er eine „Theater im Theater“-Herangehensweise wählt: Eine Dorfgemeinschaft kommt zusammen, um Foersters Oper auf die Bühne zu bringen.

Assistiert wird Kica bei seiner Regie von einer Reihe slowenischer Fachkräfte. Die Bühne von Marko Japelj begnügt sich mit drei geometrischen Elementen. Drei Zinnen stellen den Berg Triglav dar, Symbol des Land und auch auf der Flagge Sloweniens abgebildet. Ein wuchtiger rechteckiger Quader dient als in verschiedenen Farben leuchtender, immer wieder gedreht und gewendeter Raumteiler, und einmal steigt in Hintergrund eine kreisrunde Scheibe in die Höhe: der Mond. Und es gibt viele, viele, möglicherweise allzu viele Sessel, die auf der Bühne herumstehen.

Daniel Weiss, für die Kostüme verantwortlich, setzt auf einfache, aber abwechslungsreiche Alltagskleidung, in der ein paar eingestreute Trachten, Janker und Sepplhüte für Farbtupfer und Traditionsbewusstsein sorgen. Kica führt eigens ein Trachtenpärchen ein (Ann-Kathrin Adam und Arthur Haas), dass in entscheidenden Momenten, choreographiert von Leonard Jakovina, in Aktion tritt und die Handlung unterstreicht und kommentiert. Am Beginn steht ein einheitlich trachtenmäßig gekleideter Männerchor auf der Bühne, ausgestattet mit den typischen Westen mit vielen Knöpfen.

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Ivan Orescanin (Lovro), Markus Butter (Chansonette), Daeho Kim (Wirt) und Chor

Die Musik speist sich, wie in Nationalopern, egal welcher Nationalität, charakteristisch, aus dem reichen Fundus von überlieferten Volksweisen und Volkstänzen. Da erweist sich Anton Foerster als gelehriger Schüler seines Lehrers Bedrich Smetana. Foerster hat aber auch Melodien komponiert, die den umgekehrten Weg eingeschlagen haben und ihrerseits zu Volksliedern wurden. Musikalisch etwas ausgefranst wirkt der Schluss der Oper, wenn nach dem Happyend noch ein inniges „Ave Maria“ als Dankgebet die Volksfrömmigkeit betont und darauf dann noch ein fröhlicher Kehraus folgt, der an alpenländische Gstanzeln mit Solisten und Chorpassagen erinnert, oder an das, was man in Körnten als „windische Schnasen“ bezeichnet. Sicherlich ein glanzvoller wie auch heiterer Höhepunkt des volksverbundenen Kompositionsstils von Anton Foerster. Marko Hribernik, Leiter und Chefdirigent der Oper Laibach, ist ein kundiger musikalischer Leiter der Aufführung, wie man ihn sicher besser wohl nicht wünschen könnte. Die Grazer Philharmoniker wie auch der Chor der Oper Graz zeigen in ihrer Interpretatíon, dass die Volksmusik des Nachbarlandes Slowenien im Süden Österreichs nicht fremd ist, sondern schon immer übergreifend gewirkt hat.

Gesungen wird auf Slowenisch, wofür eigens Sprachcoaches herangezogen wurden, sowie auf Französisch, mit deutsche Übertiteln. Sieglinde Feldhofer ist eine anmutige Minka, die in der ersten Arie noch etwas unsicher wirkt, dann aber die Spitzentöne und Koloraturen punktgenau liefert und so dem der Figur gegebenen Spitznamen „Nachtigall“ alle Ehre macht.

Franjo, Minkas Verlobter, der nach längerer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrt, wird von Roman Pichler mit Impetus gesungen, auch er klingt in der Höhenlage zunächst etwas angestrengt. Die Mezzosopranistin Mareike Jankowski ist eine von Sorgen gequälte Majda, Witwe und Mutter von Minka.

Mit seinem wandungsfähigen Bariton verleiht Markus Butter der Figur des Impressarios mit dem merkwürdigen Namen Chansonette eine exzentrische Note, Ekaterina Solunya ist die in seinem Schatten stehende, elegant auftretende Ehefrau Ninon.

Das Buffo-Duo des eitlen Verwalters Strukelj, der sich, wenn immer möglich, von seinem Adlatus Rajdelj vertreten lässt, wird von Wilfried Zelinka (Bass) und Martin Fournier (Tenor) mit komödiantischer Lust verkörpert. Daeho Kim ist eine Luxusbesetzung als Wirt, Ivan Orescanin ein umtriebiger Lovro.

Der herzliche Applaus im vollbesetzten Haus, mit zahlreichen Ehrengästen, vom Botschafter Sloweniens bis zum steirischen Landeshauptmann, zeigt, dass das bislang völlig unbekannte Werk wohlwollend und mit Dankbarkeit aufgenommen worden ist.

 

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