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Il Trovatore

Dramma lirico in vier Teilen
Libretto von Salvatore Cammarano und Leone Emanuele Bardare
nach dem Drama El trovador von Antonio García Gutiérrez
Musik von Giuseppe Verdi


in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere am 9. August 2014 im Großen Festspielhaus
(rezensierte Aufführung: 12. August 2014)


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Salzburger Festspiele
(Homepage)

Ermüdender Museumsbesuch mit zwei Superstars

Von Thomas Tillmann / Fotos © Salzburger Festspiele / Forster


Verdis Trovatore war lange nicht in Salzburg zu sehen, eine im Shop erhältliche Postkarte erinnert an die Karajan-Produktion von 1962/63 mit Leontyne Price, Giulietta Simionato, Ettore Bastianini und zunächst Corelli, dann McCracken in der Titelpartie. Der Grund für das unglaubliche Interesse an dieser Produktion, die in der besuchten Vorstellung fürs österreichische Fernsehen (Barbara Rett war zu Beginn und am Ende am Bühnenrand mit ihrem Team zu bewundern) und die DVD-Verwertung aufgezeichnet wurde, war aber zweifellos die Mitwirkung der Superstars Anna Netrebko und Plácido Domingo.

Szenenfoto

Im Museum entwickelt Regisseur Hermanis seine Sicht auf Verdis Trovatore (Ensemble der Salzburger Festspiele).

Der Hype um Anna Netrebko geht mir, ehrlich gesagt, ziemlich auf die Nerven (kein Geschäft in Salzburg, das sie nicht in einer primadonnenhaften Pose im Schaufenster hätte), und nach den Premierenberichten fragte man sich, wie überhaupt vor ihrem nahezu messianischen Erscheinen auf den Bühnen Opernaufführungen möglich waren. Ich war nach dem Anhören ihres Verdirecitals eher skeptisch, die Auszüge aus dem 4. Akt des Troubadour waren kaum mehr als eine Skizze, ordentlich, aber doch kaum epochal gesungen und weit zurück hinter den großen Verdiheroinen sogar der noch nicht verklärten Vergangenheit. Und so war auch die erste Arie an diesem Nachmittag mit wunderschönen Tönen und wenig Textdurchdringung eher Versprechen als Erfüllung. Deutlich berührender und engagierter war ihr Singen bereits in der Klosterszene, sehr zarte Momente wechselten sich ab mit entschlosseneren Tönen auch in der unverkrampft ansprechenden tiefen Lage. Absolut überzeugend auch für den Nicht-Fan dann der vierte Akt mit der mit viel mehr Nuancen und Schattierungen ausgestatteten Arie (ich fühlte mich mitunter gar an das Timbre von Joan Sutherland erinnert), bei der sie idiotischerweise ihre historische Robe nur über die blauen Dessous zu halten hatte anstatt sie anzuziehen (am heimischen Fernseher sah man dann auch die pink lackierten langen Nägel und schüttelte den Kopf), den vielen wunderbaren Pianissimoacuti, einem mit satten Tönen mühelos bewältigten Miserere, einem in der Wiederholung sogar noch schön ausgezierten "Tu vedrai" - brava. Hier konnte sie zweifellos auch die Erfahrung der Aufführungsserie an der Staatsoper Berlin nutzen - es spricht eben einiges dafür, wichtige Rollendebüts nicht bei den Salzburger Festspielen zu machen.

Szenenfoto

Aus einem langjährigen Museumsmitarbeiter (Plácido Domingo) ...

Natürlich kann Plácido Domingo noch singen, was bilden sich all diese verstörten Forumsschreiberlinge auf den diversen einschlägigen Homepages eigentlich ein mit ihren gehässigen, unsachlichen Kommentaren? Man hatte in diesen Tagen hinter vorgehaltener Hand auch von Kolleginnen und Kollegen gehört, sein Singen sei nur noch der Abglanz vergangener Triumphe - das kann ich nicht bestätigen. Nur in wenigen Momenten hörte man in dieser Vorstellung ansatzweise die Spuren einer jahrzehntelangen Ausnahmekarriere und der Indisposition, die die nächste Vorstellung beinahe gefährdete. Und das Ausführen von Feinheiten im "Il balen" war nie seine Sache. Das Problem liegt woanders: Der Künstler hat alle Töne für die Partie, wirft sich auch mit Verve und großen Engagement in die Rolle (ich fühlte mich mehrfach an seine Wutausbrüche als Otello erinnert), aber letztlich fehlt der Stimme die genuin baritonale Farbe. Interessant wäre es indes gewesen, wenn als Manrico ein Tenor von ähnlicher Stimmfarbe zur Verfügung gestanden hätte, denn, wie wir am Ende erfahren, sind die Konkurrenten schließlich Brüder.

Szenenfoto

... wird der Conte di Luna (Plácido Domingo).

Francesco Meli hat noch vor wenigen Jahren das lyrische Fach gesungen, und wirklich dramatischer, dunkler ist die Stimme nicht geworden. Das hat den Vorteil, dass er manche Passage sehr sorgfältig und mit schönem Piano gestaltet (etwa das "Ah si, ben mio"), das hat den Nachteil, dass es der nicht sehr individuell timbrierten Stimme in manchem Moment an Farbe, Nachdruck und Peng fehlt, namentlich in der gefürchteten, von Gatti plötzlich sehr flott genommenen Stretta, in der er den von allen erwarteten hohen Ton zwar irgendwie kurzfristig erreicht, dann aber flugs oktaviert zuende bringt - dafür würde in Italien bis heute vermutlich gebuht.

Szenenfoto

Aus der beinahe unscheinbaren Museumsaufsicht (Anna Netrebko) ...

Gar nicht nachvollziehen konnte ich die Begeisterung des Publikums für Marie-Nicole Lemieux: Die Kanadierin weiß vermutlich selber, dass sie (noch) keine Azucena ist, aber man kann natürlich nachvollziehen, dass Sängerinnen und Sänger einem Angebot aus Salzburg nur schwer widerstehen können, zumal wenn der musikalische Leiter sie mit der (merkwürdigen) Aussage ermuntert, er wolle keine riesigen Stimmen, sondern Künstler für seinen Trovatore. Nach solidem Beginn verlegt die Mezzosopranistin sich vorwiegend aufs Flüstern oder Schreien, ihr Singen hatte keine Linie, sie hatte vor allem bei höheren, ziemlich brutal herausgebrüllten und daher unruhigen Tönen Probleme mit der Intonation, bei tieferen neigte sie in ihrer vokalen Not zum Keifen und unfeinem Einsatz der Bruststimme, was mancher mit Expressivität verwechselt, und auch ihr outrierter szenischer Einsatz war keine festspielreife Leistung, sondern eine schwache.

Sehr solide, mit großer Autorität und auch angemessen reifen Tönen gestaltete Riccardo Zanellato den Ferrando, Diana Haller, Gerard Schneider und Raimundas Juzuitis komplettierten die Besetzungsliste tadellos. Durch glanzvollen Klang und hohe Musikalität nahm die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor für sich ein.

Die Wiener Philharmoniker konnten den sensationellen Eindruck des Vorabends nicht wiederholen, hatten mit Daniele Gatti aber eben auch keinen ersten Dirigenten vor sich, sondern einen, der sich grundsätzlich für sehr breite Tempi entschieden hatte, die immer wieder den Fluss der Musik und damit das Drama ins Stocken brachten, ein paar überflüssig grelle Akzente konnten daran nichts ändern, dass es hier an Inspiration, Raffinesse und wirklichen Höhepunkten fehlte.

Szenenfoto

... wird Leonora (Anna Netrebko), die den Troubadour liebt.

Der schwächste Punkt dieser Neuproduktion gehört an den Schluss: Alvis Hermanis hält es für "unmöglich, die Geschichte ... in unsere Zeit oder auch ins 19. Jahrhundert zu transponieren, weil diese Verbindung zwischen Liebe und Tod in unserer modernen Welt keine so große Rolle mehr spielt". Und so hat er sich entschieden, Verdis szenisch sicher nicht einfache Oper sozusagen aus zwei Perspektiven zu betrachten: "Die eine ist ein großes Museum mit vielen Gemälden ... Die andere Perspektive ist eine historische, in der die Helden der Bilder zum Leben erweckt werden." Besonders fasziniert ist der aus Riga stammende Regisseur von den Menschen, die in Museen arbeiten, mitunter jahrzehntelang auf bestimmte Bilder aufpassen und ganz persönliche Beziehungen zu ihnen entwickeln. Und so sieht man die beiden Superstars nicht nur in den opulent-langweiligen historisierenden, stets in verschiedenen Rottönen gehaltenen Roben von Eva Dessecker, sondern auch in dezenten Museumswärteruniformen. Das alles liest sich bedeutend spannender als es anzusehen ist, letztlich bleibt es bei dieser gar nicht neuen Idee (Düsseldorfer und Berliner werden sich an Pet Halmens Aida erinnern), die den nicht unattraktiven optischen Rahmen, den ebenfalls Hermanis kreiert hat, für konventionellste Rampensteherei im vorderen Teil der Bühne bietet, wirkliche Figurenzeichnung und Personenregie vermisst man da schmerzlich, auch wenn nicht jeder Ansatz der letzten Jahre erfolgreich war, das Werk als Antikriegsstück zu lesen oder auf die Roma- und Sinti-Problematik einzugehen. Immerhin, seinem Traum ist Hermanis näher gekommen: "Ich möchte der altmodischste Regisseur des 21. Jahrhunderts werden." Für weitere Engagements indes hat er sich mit dieser uninspirierten, auch manchen handwerklichen Fehler erkennen lassenden Retroproduktion nicht empfohlen. Statt echter, durchdachter Aktion wird der Zuschauer erschlagen durch die Flut von auf beweglichen Wänden präsentierter Reproduktionen alter Meister und überkommenen Standardgesten vergangener Zeiten, für die Hermanis eine Schwäche hat (und die in der Übertragung der Freitagsvorstellung bei Arte noch übertriebener und künstlicher aussahen) - ein deutlich zu langer Besuch im Museum, der beim Rezensenten den Wunsch Gestalt annehmen ließ, sich zwei Stunden später mit dem Jedermann noch etwas zeitgemäßeres Theater zu gönnen.


FAZIT

In einer szenisch enttäuschenden Neuproduktion wurden die Stars ihrem Ruf gerechnet. Bei der Auswahl des übrigen Personals hätte ein bisschen mehr Sorgfalt nicht geschadet.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniele Gatti

Regie und Bühne
Alvis Hermanis

Regiemitarbeit
Gudrun Hartmann
Philipp M. Krenn

Bühnenbildmitarbeit
Uta Gruber-Ballehr

Kostüme
Yan Tax

Licht
Gleb Filshtinsky

Videodesign
Ineta Sipunova

Choreinstudierung
Ernst Raffelsberger

Dramaturgie
Ronny Dietrich


Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker


Solisten

Manrico
Francesco Meli

Leonora
Anna Netrebko

Il Conte di Luna
Plácido Domingo

Azucena
Marie-Nicole Lemieux

Ferrando
Riccardo Zanellato

Ines
Diana Haller

Ruiz/Un messo
Gérard Schneider

Un vecchio zingaro
Raimundas Juzuitis



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