Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Paul Leclaire

Aktuelle Aufführungen

Altersweise, nicht altersmüde

FALSTAFF
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
30. Oktober 2016
(Premiere)

 

 

Oper Köln, Staatenhaus

Die Zeiten, in denen Dietrich W. Hilsdorf nahezu jedes Werk gegen den Strich bürstete und die garantierten Proteststürme geradezu zu genießen schien, sind längst vorbei. Seit mindestens zehn Jahren gebärdet er sich erheblich zahmer, mitunter so gezähmt, dass kaum mehr als professionelle Routine zu verzeichnen ist. Die Liebe zu Giuseppe Verdi hat bei ihm aber nicht nachgelassen. Und gerade mit Verdis letztem Werk, dem Falstaff, gelang ihm bereits vor elf Jahren in Essen ein detailgenau ausgearbeitetes, von subtiler Komik und handwerklicher Perfektion geprägtes Kabinettstückchen.

An der Kölner Oper übertrumpft er jetzt, zusammen mit dem kongenialen Dirigenten Will Humburg, diese Leistung noch um mindestens eine Klasse. Noch feiner, noch abgeklärter, noch souveräner präsentiert sich Verdis Schwanengesang, aber beileibe nicht milder oder lahmer. Denn im Kölner Staatenhaus geht es durchaus turbulent und bösartig zu. Wenn auch immer im Einklang mit der Musik.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Grandios, mit welchem Feingefühl Hilsdorf jeder Figur ein markantes Profil verleiht und wie pointiert er die Personen, nicht zuletzt auch den Chor, zu führen vermag. Verdis feinen, unterschwellig bösen Humor verabreicht er mit empfindlichen Nadelstichen, nicht mit der Klamauk-Keule. Souverän steuert er die bei Shakespeare extrem wichtigen Tempowechsel, so dass ein vitaler Opernabend garantiert ist, der Verdis altersweisem, aber keineswegs altersmüdem Werk vollauf gerecht wird.

Foto © Paul Leclaire

Solche Präzision, verbunden mit einer profunden Werkkenntnis, ist auch unabdingbar, da Hilsdorf und sein Bühnenbildner Dieter Richter die begrenzten Möglichkeiten des Deutzer Staatenhauses mit einem Minimum an Ausstattungsaufwand nutzen. Dass allerdings optimal. In Anlehnung an historische Shakespeare-Bühnen beschränkt man sich auf ein dreieckiges, zum Parkett hin zugespitztes Bühnenpodest, ein paar Tische und einen schlichten Zwischenvorhang, wodurch die Figuren schonungslos vom ersten bis zum letzten Takt dem Blick des Zuschauers ausgesetzt sind. Auch Renate Schmitzer hält sich mit ihren Kostümen zurück. Überwiegend dunkel und unauffällig kleidet sie die Figuren ein, wobei Falstaff in seinem abgetakelten Frack ein wenig chaplinesk wirkt.

Was Timing und Präzision betrifft, geht Hilsdorf konform mit Will Humburg am Pult des sehr aufmerksam reagierenden Gürzenich-Orchesters. Die unzähligen überraschenden Tempo- und Stimmungswechsel führt der in Köln immer gern gesehene Dirigent äußerst profiliert und souverän aus. Auch die sich ständig wandelnde Klangfarbenpalette wird selbst unter den nicht gerade idealen akustischen Bedingungen des Staatenhauses hörbar. Dabei setzt Humburg durchaus scharfe Akzente, ohne jedoch die fein gestrickte Musik zu vergröbern. Hilsdorf und Humburg empfehlen sich erneut als ideale Partner.

Nicht weniger überzeugend agiert das Ensemble. Erstaunlich, dass ein so bühnenerfahrener Sänger wie Lucio Gallo in dieser Produktion zum ersten Mal als Falstaff szenisch in Erscheinung tritt. Die Reife kommt seiner hintergründigen, kultivierten und dennoch vitalen Darstellung entgegen. Und stimmlich begeistert Gallo nach wie vor mit seinem voluminösen, technisch sauber geführten und fein differenzierenden Bariton. Ein Glücksfall. Auch sonst ist kein einziger nennenswerter Ausfall zu beklagen. Perfekt aufeinander eingestimmt sind Adriana Bastidas Gamboa als Meg, Natalie Karl als Alice und Publikumsliebling Dalia Schaechter als Mrs. Quickly. Dem jungen Fenton verleiht Liparit Avetisyan tenoralen Glanz, der Nannetta Emily Hindrichs jugendlichen Charme mit leicht angestrengten Höhen. Nicholas Pallesen hat es nicht leicht, sich als Ford stimmlich gegen den überragenden Lucio Gallo durchzusetzen, dürfte aber noch an der Rolle wachsen. Dezent-derbe Komik verbreitet das Dienerpaar Lucas Singer als Pistola und Ralf Rachbauer als Bardolfo. Der Chor lässt sich von der Spiellaune der gesamten Produktion hörbar inspirieren.

Eine Produktion, die pures und in keiner noch so kleinen Pointe plattes Vergnügen bereitet. Entsprechend begeistert fällt der Beifall des Premieren-Publikums für alle Beteiligten aus.

Pedro Obiera